Samstag, 6. Oktober 2007

Odenwälder Sagen II

Das sechste und siebte Buch Moses

In Knoden lebte ein Bauer, der ein Buch von der „Knodener Kunst“ bei sich liegen hatte (Knoden ist ein kleines Dorf, das laut Sage in Odenwälder sagen DAS Zauberernest schlechthin ist; meist werden das 6. und 7. Buch Moses als „Zauberbuch“ bezeichnet). Eines Tages, als er auf dem Feld war, kam ein Fremder, nahm das Buch und begann, daraus vorzulesen. Da flog eine große Menge Raben heran, flogen durch das Fenster, bis die Stube voll war.

Als der Bauer sah, wie viele Raben zu seinem Haus flogen, wurde ihm klar, das etwas nicht stimmte, und er eilte nach Hause. Schnell holte er einen Krug Erbsen vom Speicher und streute sie auf den Boden, damit die Raben beschäftigt waren. Er las dann die Textpassagen, die der Fremde gelesen hatte, rückwärts, und die Raben flogen alle wieder hinaus.

***

Dieses Buch war wahrhaft verbreitet im Odenwald, und zwar nicht nur in Knoden. Auch in Mittershausen dun Scheuerberg kannten und fürchteten die Leute die Häuser, in denen diese Zauberbücher aufbewahrt wurden, gingen aber trotzdem zu den Hexern und Enthexern, wenn sie in Not waren.

Eine Frau lebte in einem Haus, in dem ein solches Buch aufbewahrt wurde, und oft tobten Stürme durch das Haus, das der Frau Angst und Bange wurde.

Ein anderer Mann wurde gemütskrank, weil ihm die Zauberei im Haus so viel Angst machte, Er zog dann aber weit fort und wurde wieder gesund.


Die Sau in Bensheim

In Bensheim lebte einmal ein Bauer, der recht wohlhabend war; doch plötzlich ging es mit ihm bergab, sein Vieh starb dahin. Er dachte sich schon, dass dies nicht mit rechten Dingen zuging. Als seine Frau ein Kind bekam und danach krank wurde, ging er nachts los zur Apotheke, um Medizin zu holen. Da hörte er seine Stimme sagen: "Nein, nicht auch noch das Kind. Das kann ich ihm nicht antun, er hat doch sonst nichts mehr."
Der Mann bat daraufhin seine Frau, das Kind aus der Wiege zu sich in das Bett zu nehmen, und legte sich, mit einem Säbel bewaffnet, in sein Bett. Um Mitternacht sprang die Tür auf, eine Sau lief herein und schnüffelte an der Wiege. Danach ging sie auf die Schlafstatt der Frau zu, doch der Bauer sprang auf und hieb auf die Sau ein, die entfliehen konnte.

Am nächsten Morgen fand er eine Hand auf dem Boden, daran der Ring seiner Mutter. Er ging sofort zu ihr. Sie lag krank im Bett, er zog ihr Laken weg - und sah, dass ihr einer Arm nur noch ein Stumpf war, mit einem blutigen Lappen umwickelt. "Warum habt ihr mir das angetan, Mutter?" fragte er, aber sie sagte, "Schweig! Alles wird nun gut, ich bin dazu gezwungen worden."
Seit dem ging es wieder aufwärts mit dem Bauern, die Mutter aber musste mit nur einer Hand weiterleben.


Die verhexte Sau

In Erlenbach im Odenwald lebte eine Frau, die als Hexe verschrien war. Ihre Tochter lebte mit Familie im Nachbarort Seidenbach. Oft, wenn die Mutter zu Besuch war, gab es Probleme mit dem Vieh.
So auch, als vier Sauen trächtig waren und werfen sollten. Als die erste Sau ihre Jungen zur Welt brachte, machte sie böse Augen und schüttelte ein Ferkel nach dem anderern tot. Der Bauer versuchte, dazwischen zugehen, aber die Sau war so wild, dass er kein Ferkel retten konnte.
Auch die zweite Sau begann bei der Geburt, ihre Jungen zu töten, obwohl der Bauer versuchte, sie mit Bier betrunken zu machen.
Bei der dritten Sau konnte die Bewohner des Hauses nur mit Müh und Not eines der Ferkelchen retten.
So geht es nicht weiter, dachte sich der Bauer, das Vieh muss verhext sein. Die Großmutter besorgte sich also bei einem Braucher (so heißen hier die "guten" Hexer) ein Buch mit Zaubersprüchen und fand die richtige Formel, "wie man eine Sau enthext". Als das vierte Mutterschwein zu werfen begann, rezitierte die Großmutter:

"Du Erz-Zaubergeist,
du hast das Schwein angegriffen,
so fall du wieder von ihm ab,
in dein Mark und in dein Bein,
so ist es dir wieder heimgesagt!
Ich beschwöre dich:
Um der fünf Wunden Jesu
jetzt und zu dieser Stund
mach das Schwein wieder gesund!
Im Namen des Vaters,
und des Sohnes,
und des heiligen Geistes,
Amen."

So sprach die Frau drei mal, und das Schwein, das anfangs noch wilde Augen hatte, blickte bald ruhig und sanft und legte zum Schluss sogar zutraulich seinen Rüssel in ihren Schoß. Die Geburt verlief dann gut, und die Sau kümmerte sich auch um ihre Ferkel.


Wer mehr Sagen aus meiner Umgebung lesen möchte:

(1)Phillip Phlaesterer, "Rund um den Hexenturm", Beltz Verlag, Weinheim 1954 (wahrscheinlich nicht mehr erhältlich)

(2)Erika Pöschl, "Odenwälder Sagenschatz", Bd. 1 und 2, Aki Pöschl Verlag, Ober-Ramstadt 1989/1998

(3)Paul Schick und Rudolf Lehr, "Kurpfälzer Sagenschatz", Heidelberger Verlagsanstalt, 1987

(4)Reinhard Hoppe, "Sagen vom Rhein zum Main", Verlag Konkordia, Bühl 1958

(5) Bernhard Pollmann: "Odenwald - die schönsten Tal- und Höhenwanderungen", Bergverlag Rother, München 1997

(6) Werner Bergengruen, "Das Buch Rodenstein. Unheimliche Geschichten", insel taschenbuch 1996

(7) Elisabeth Bräuer und Wilhelm Metzendorf, "Sagen. Erzählungen und Spukgeschichten aus Heppenheim und Umgebung", Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Sonderband 2, 1976

(8) Sigrid Lichtenberger (Hrsg.), "Hundert hessische Hexensagen", Erich Röth Verlag, Kassel 1989

1 Kommentare:

Iris hat gesagt…

Hallihallo,

ich hab grad Deinen Blog entdeckt auf der Suche nach alten Plätzen und Spuren im Odenwald. Nun hab ich einige Wnderziele mehr und Du schreibst hoffentlich noch lange weiter :)

Herzliche Grüsse, Iris